Polizei : Newsletter Nr. 303, Januar 2026

 1)   Alle Jahre wieder – Die Debatte um Feuerwerksverbote bzw. Verbotszonen rund um schützenswerte Objekte
 2)   Braucht die Polizei eine Datenbank zum biometrischen Abgleich von öffentlich zugänglichen Internetbildern zur Gesichtserkennung?
 3)   Digitalforensik – Erstellung individueller biomechanischer 3-D-Modelle des Bewegungs- und Skelettapparats („Rig“) zum Abgleich mit Tatortvideos
 4)   „Digitaler Zwilling“ als Schlüsseltechnologie für die Polizei: Eine kriminaltechnisch-forensische Perspektive
 5)   Predictive Policing und „Algorithmic Fairness”
 6)   Wie können Polizeibeamte Gefahren erkennen?
 7)   Hierarchieabhängige Police-Leadership Skills
 8)   Video-Analyse von Polizeigewalt
 9)   Polizeiliche Bodycam-Aufnahmen werden veröffentlicht
10)  Bürgernahe Polizeiarbeit und lokale Umsetzung
11)  Rückgang schwerer Straftaten in den USA
12)  Antiziganismus in der Polizei
13)  Kriminologische Aufsätze frei verfügbar
14)  Buchbesprechung – „Transparenz polizeilichen Handelns“
 
1) Alle Jahre wieder – Die Debatte um Feuerwerksverbote bzw. Verbotszonen rund um schützenswerte Objekte
Die Debatte nimmt jedes Jahr – die immensen Schadens- und schwerwiegenden Opferfälle bilanzierend – um den Jahreswechsel (in den letzten Jahren allerdings zunehmend) Fahrt auf. Ein aktuelles Kurzgutachten einer Berliner Anwaltskanzlei zu diesem Thema, beauftragt von der Deutschen Umwelthilfe (https://t1p.de/w5mqu), birgt nun zusätzlichen „Sprengstoff“, denn es geht unter Bezugnahme und Kommentierung des § 24 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 der Ersten Verordnung zum Sprengstoffgesetz (1. SprengV) von einer haftungs- und ggf. strafrechtlichen kommunalen Mitverantwortung für Schadensfälle aus, wenn die Kommunen keine (bedarfsgerecht großflächigen) Verbotszonen rund um brandempfindliche Gebäude prüfen und bei Bedarf anordnen - https://t1p.de/blvpv
 
 
2) Braucht die Polizei eine Datenbank zum biometrischen Abgleich von öffentlich zugänglichen Internetbildern zur Gesichtserkennung?
Spätestens seit der Identifizierung der früheren RAF-Terroristin Klette anhand frei in sozialen Netzwerken zugänglicher Profil-Bilder unter falscher Identität durch eine Vertrauensperson bzw. ein journalistisches Investigativ-Team der ARD ist das Thema biometrischer Abgleich von vorhandenen Bilddaten mit öffentlich zugänglichen Internetbildern in der kriminalwissenschaftlichen Literatur nicht nur unter rein dogmatischen Gesichtspunkten präsent. Ein im Auftrag der NGO Algorithm Watch erstelltes technisches Gutachten stellt unter Bezugnahme auf europäisches Recht (KI-VO) fest, dass ein hierzu eigens erforderlicher Aufbau von sicherheitsbehördlichen Datenbanken, die mit derart frei verfügbaren Bilddateien aus „anlasslosem Scraping“ zum Abgleich gespeist werden, gegen EU-Recht verstößt - https://t1p.de/9rg2v
 
 
3) Digitalforensik – Erstellung individueller biomechanischer 3-D-Modelle des Bewegungs- und Skelettapparats („Rig“) zum Abgleich mit Tatortvideos

 
 
4) „Digitaler Zwilling“ als Schlüsseltechnologie für die Polizei: Eine kriminaltechnisch-forensische Perspektive
Das Institut für Kriminalitäts- und Sicherheitsforschung (IKriS) der Polizeiakademie Niedersachsen gibt regelmäßig kurze „Research Briefs“ zu aktuellen kriminalwissenschaftlichen Themen heraus. Die aktuelle, inzwischen siebte Ausgabe dieses Formats beschäftigt sich mit dem Potenzial „Digitaler Zwillinge“ für die beweiserhebliche Dokumentation und Präsentation im Strafverfahren und in diesem Kontext zudem mit dem begleitenden Einsatz von „KI in der Forensik“. Dabei nennt und bewertet sie einige geeignete Einsatzgebiete derartiger Methoden für die polizeiliche Kriminaltechnik, z. B. 3D-Scans vom Tatort, die Photogrammetrie von Tat- / Unfallorten, die Fahrzeugdatenauslesung, die Smart Home- bzw. IoT-Forensik bzw. den Einsatz von KI in der Mustererkennung im Rahmen der Bildforensik oder der Spurenanalyse - https://t1p.de/y0qnl
 
 
5) Predictive Policing und „Algorithmic Fairness”
Die Forscher adressieren in einem zweigliedrigen Ansatz, bestehend aus einer systematischen Literaturanalyse und zusätzlichen empirischen Daten des Chicago Police Department, die Gefahr algorithmischer Abbildung gesellschaftlicher Ressentiments in verwendeten Predictive-Policing-Modellen und stellen diese Problematik einer Reihe von in der Literatur dokumentierten, ggf. derartige Effekte abschwächenden Fairness-Strategien gegenüber - https://t1p.de/vbrci
 
 
6) Wie können Polizeibeamte Gefahren erkennen?
Polizeibeamte stehen täglich vor der schwierigen Aufgabe, potenzielle Gefahren zu erkennen. Werden diese Gefahren nicht rechtzeitig erkannt, kann dies schwere Folgen haben. Daher ist die Fähigkeit eines Polizeibeamten, eine bewaffnete Gefahr zu erkennen, von entscheidender Bedeutung. Diese Übersichtsarbeit hat zum Ziel, die aktuelle Literatur zur Fähigkeit von Polizeibeamten, eine unmittelbare Gefahrenquelle zu erkennen, zu identifizieren und zusammenzufassen. Es wurden nur wenige Studien veröffentlicht, die sich mit den Ansätzen, Methoden und Ergebnissen der Polizei zur Erkennung versteckter Bedrohungen befassen, was den Mangel an Forschung in diesem wichtigen Bereich deutlich macht - https://t1p.de/17c62
 
 
7) Hierarchieabhängige Police-Leadership Skills
Das College of Policing in Großbritannien hat Leaderships Skills für verschiedene Hierarchiestufen in der Polizei entwickelt und beabsichtigt, diese in regelmäßigen Abständen auf Praxistauglichkeit zu prüfen und ggf. anzupassen. Ein Vergleich mit hierzulange entwickelten Standards ist sinnvoll und wird zeigen, dass in GB einiges vorgeschlagen wird, das hierzulande noch unbekannt ist oder zumindest noch nicht in gleicher Weise offensiv diskutiert wird - https://t1p.de/ggtiu
 
 
8) Video-Analyse von Polizeigewalt
Eine Studie zur polizeilichen Gewaltanwendung verwendet videobasierte Daten (N = 540) und die Methode der sozialen Beobachtung (SSO) an, wobei ein modifiziertes Analyseinstrument (Resistance Force Comparative Scheme) zur Bewertung von Deeskalation/Eskalation eingesetzt wird. Die Ergebnisse zeigen, dass Beamte bei Begegnungen mit Verdächtigen in den meisten Fällen verhältnismäßige und abgestufte Gewalt anwenden. Wenn Beamte jedoch abweichen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie eskalieren, wesentlich größer als die, dass sie deeskalieren. Außerdem neigen Beamte bei proaktiven Begegnungen sowie bei der Interaktion mit männlichen und beeinträchtigten Verdächtigen eher dazu, eskalierende Gewalt anzuwenden. Das gilt auch für Beamte mit einem (allgemein) eher negativen (d. h. respektlosen) Verhalten - https://t1p.de/6johx
 
 
9) Polizeiliche Bodycam-Aufnahmen werden veröffentlicht
Chicago ist nun führend bei der Verwendung von Bodycam-Aufnahmen. Um Transparenz zu schaffen, entscheidet ein unabhängiges Amt und nicht die Polizeibehörde, ob und ggf. welche Aufnahmen von „Fatal Officer-Involved Shootings! und anderen schwerwiegenden Vorfällen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Die Stadt Chicago hat das Civilian Office of Police Accountability (COPA) gegründet und nicht nur mit der Untersuchung von Fehlverhalten, sondern auch mit der Veröffentlichung von Filmmaterial von Schießereien und anderen schwerwiegenden Vorfällen betraut - https://t1p.de/jnxb9
 
 
10) Bürgernahe Polizeiarbeit und lokale Umsetzung
Eine bereits aus dem Jahr 2023 stammende, nach wie vor hochaktuelle länderübergreifende empirische Studie zeigt: Trotz ihrer Attraktivität und ihrer nachweislich positiven Auswirkungen fehlt es der bürgernahen (Institutionen übergreifende, interdisziplinäre) Polizeiarbeit bislang an einer klaren Definition und replizierbaren Form. Oftmals als eine ursprünglich angloamerikanische Polizeimethode betrachtet, ist Community Policing heute weltweit verbreitet. Die Notwendigkeit einer differenzierten lokalen Umsetzung wirft wichtige Fragen zu deren Kernmerkmalen auf, an denen sich Praktiker orientieren können. Unter Einbeziehung von Erkenntnissen aus der vorhandenen Literatur und einem transeuropäischen Projekt, das 323 Interviews mit Gemeindemitgliedern und Polizeibeamten in acht Ländern umfasste, wird ein dynamisches Modell für Community Policing vorgeschlagen, in dem unterschieden wird zwischen den Bedingungen, Maßnahmen und Zielen dieses Ansatzes – https://t1p.de/ej1fh
 
 
11) Rückgang schwerer Straftaten in den USA
Obwohl in der Medienberichterstattung – u. a. auch bedingt durch signifikante, die dortige „Polizeihoheit“ ignorierende Interventionsmaßnahmen des US-Government in größeren Städten - ein anderer Eindruck entsteht: Die Zahl der Morde in den USA sinkt so schnell wie nie zuvor. Daten aus dem Real-Time Crime Index zeigen, dass die Zahl der Morde bis August 2025 um rund 19 Prozent zurückgegangen ist. Insgesamt sind sowohl Gewalt- als auch Eigentumsdelikte auf dem besten Weg, den größten jemals verzeichneten Rückgang innerhalb eines Jahres zu verzeichnen. Der starke Rückgang bei Raubüberfällen ist angesichts der Tatsache, dass auch Autodiebstähle – eine Untergruppe der Raubüberfälle – stark zurückgehen, nachvollziehbar - https://t1p.de/qiljq
 
 
12) Antiziganismus in der Polizei
Die Melde- und Informationsstelle Antiziganismus e. V. (MIA) hat 215 Vorfälle (von Schwierigkeiten bei der Anzeigeerstattung, wiederkehrenden anlasslosen Kontrollen, unverhältnismäßigen Maßnahmen bis hin zu einer niedrigen Schwelle zur Anwendung von Zwangsmitteln) aus den Jahren 2022 – 2024 dokumentiert, die darauf hinweisen, „dass antiziganistische Benachteiligungen im Polizeikontakt kein Randphänomen sind, sondern wiederkehrenden Mustern folgen“ - https://t1p.de/5fpck
 
 
13) Kriminologische Aufsätze frei verfügbar
Das Centre for Criminology & Sociolegal Studies der University of Toronto stellt auf einer Website fast 1.000 kriminologische Aufsätze open access zur Verfügung. Die "Highlights" können auch abonniert werden - https://www.crimhighlights.ca/
 
 
14) Buchbesprechung – „Transparenz polizeilichen Handelns“
Transparenz ist eine zentrale Voraussetzung rechtsstaatlichen Handelns. Nur wenn alles staatliche Handeln sichtbar und nachvollziehbar ist, kann auf Dauer Vertrauen in den Staat und damit in die Demokratie sichergestellt werden. Der Bereich polizeilichen Handels ist davon besonders betroffen, weil der Bürger staatliche Gewalt hier unmittelbar und direkt erfährt (Stichwort: Gewaltmonopol). Gerade bei polizeilichem Handeln sind aber Zweifel an dieser Transparenz angebracht. Die Studie (zugleich Dissertation) von Felix Rauls beschreibt die Problematik und nährt im Ergebnis diese Zweifel - https://polizei-newsletter.de/wordpress/?p=2299